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Studien-/ Berufsorientierungstests - Angst vor „falschen“ Entscheidungen der Berufs- und Studienwahl

„Ich kann mich – jetzt – noch nicht wirklich entscheiden“

Irgendwas mit….Technik, …mit Menschen,…mit Business…..mit Forschung

Für die ganz Passiven (Denkfaulen) und Entscheidungsschwachen bietet die Bundesagentur für Arbeit rasche Hilfe. Lass‘ nur die Black Box der algorithmischen Berufs- und Studienwahlentscheidung für Dich arbeiten, heißt die Devise.

Berufsorientierungstage und die Berufsauswahlkataloge der Bundesagentur für Arbeit sollen schnell helfen, die „richtige“ Wahl für Beruf und Studium zu treffen. Bei der Entscheidungsfindung für die Zeit nach der Schule, der Studiums- oder Berufsausbildungswahl, werden meist Eignungsprüfungen und Kataloge von Studien- und Berufsprofilen angeboten. Helfen sollen vor allem „Checklisten“. Die Bundesagentur für Arbeit bietet ein ganzes Potpourri an Checks und Check-U-Tools zur Selbsterkundung mit folgenden Hinweisen[1]:

(1) “Anhand deiner ermittelten Stärken hilft es dir herauszufinden, mit welchen der vielen Ausbildungsberufe und Studienfelder du dich bei deiner Berufsorientierung näher beschäftigen solltest. Die Entscheidung liegt am Ende bei dir! (Wer hätte das gedacht?)

(2) Check-U – das Erkundungstool - ermittelt anhand psychologisch fundierter Testverfahren, was du kannst und wofür du dich interessierst. So weißt du genau, wo du stehst und welche beruflichen Möglichkeiten zu dir passen. Du bekommst eine Übersicht deiner Eigenschaften und Kompetenzen – dein ganz persönliches Kompetenzprofil.

(3) Im Tool findest du eine Ausbildungsplatzbörse und eine Studiensuche mit vielen Angeboten. Du brauchst Hilfe bei der Entscheidung: Mache einfach einen Termin mit deiner Berufsberatung.

(4) „Bereits nach einem Test erhältst du ein Ergebnis. Je mehr Tests du abschließt, desto aussagekräftiger sind deine Ergebnisse“

(5) „Das Erkundungstool ist einfach und selbsterklärend aufgebaut. Mit verschiedenen Fragen und Aufgaben testest du dich und erhältst Ergebnisse mit individuell zu dir passenden Ausbildungsberufen und Studienfeldern.“

Also, das ist doch wirklich zeitsparend, verlässlich und erspart das eigene Entscheidungsdenken (?): In 7 modularen Online-Selbsterkundungsschritten kann man schnell herausfinden, was das passende Studium oder die passende Ausbildung wären. Schnell kann man anhand eines Online-Fähigkeitstests („Meine Fähigkeiten“) herausfinden, wo die persönlichen Stärken und Schwächen liegen, z.B. wenn man folgende Aufgabe lösen kann:


Man kommt sich vor wie bei einem Intelligenztest. Wer hier „versagt“ beim rein abstrakten Denken, hat gleich „verloren“. Das noch mit der Überschrift „Meine Fähigkeiten“ zu versehen und als verkappten Psycho- bzw. IQ-Test zu klassifizieren, der mir dann zeigt, wo ich beruflich lande? No comment. Absurd. Schon wieder sollen irrsinnige Zahlenwerte aus Eignungs- und Fähigkeitstests das persönliche Schicksal lenken. Bitte gleich an den Beatles-Song „Let it be“ denken.

Gerade aus den Erfahrungen mit solchen Intelligenztest müsste man doch wissen, wie sehr diese gelenkt sind, nur an das abstrakte Denken ausgerichtet sind, über Intelligenz nichts wirklich Gehaltvolles aussagen, zeitpunktabhängig sind, nur auf meist eine mögliche Antwort/ein Ergebnis oder Sichtweise und wieder nur auf eine Zahl gerichtet sind. In ihrem ausgezeichneten Buch: „Der größte Bestseller aller Zeiten“ macht die niederländische Autorin, Sanne Blauw (2018) dies besonders am IQ-Test mit dem 30 Jahre alten Landwirt Rakmat (Usbekistan)[2] deutlich:

Die Wissenschaftler zeigten dem Mann Zeichnungen, auf denen ein Hammer, eine Säge, ein Holzblock und ein Beil abgebildet waren. Er sollte sagen, welcher Gegenstand nicht in die Reihe passte. Seine Antwort: „Die Gegenstände gehören alle in eine Reihe, denn sie sind alle gleich nützlich. Schau, wenn du sägen willst, brauchst du eine Säge. Wenn du Holz spalten willst, brauchst Du ein Beil. Man braucht alle vier Werkzeuge.

Die Forscher versuchten Rakmat zu erklären, dass er die Aufgabe nicht richtig verstanden habe. Er solle sich ein anderes Beispiel vorstellen. Hat man drei Erwachsene und ein Kind vor sich, dann gehört das Kind nicht in die Gruppe“.


Nein“, antwortete Rakmat, „das Kind muss unbedingt bei den Erwachsenen bleiben. Wenn die drei Erwachsenen arbeiten, können sie nicht immer hin und herlaufen. Dann kämen sie mit ihrer Arbeit nie zu Ende. Der Junge kann das für sie tun.“

Allein von solchen IQ-Mess- und Zahlenfetischisten, die nur abstraktes Denken als Intelligenz anerkennen, soziale Fähigkeiten als intelligent ausschließen und nur („logische“) Einordnungen in eine bestimmte Kategorie oder in ein Lösungskästchen als Intelligenznachweise akzeptieren sowie das Verstehen bestimmter Metaphern zum Maßstab für IQ erheben, die Berufseignung und Studien- bzw. Berufswahl abhängig zu machen, ist mehr als unverantwortlich und absurd. Das ist alles andere als objektiv, sondern ein klares Werturteil[3], was die Erfinder dieser IQ-Tests (Binet; Yerkes) für Intelligenz hielten. Total einseitig und (dümmlich) diskriminierend.

Man kann sogar seine Persönlichkeit einbringen und mit folgenden Eigenschaften auf einer Skala (1 – 10, von trifft überhaupt nicht zu bis trifft voll zu) testen lassen:



Und das in solch‘ einem frühen Alter, meist ohne berufliche Erfahrung. Abgesehen von der Frage, was ist der Unterschied zwischen Skalenwert 6 und 7 oder ob Skalenwerte wirklich etwas über konkrete Einstellungen aussagen. Allein die formulierten Aussagen, die es zu bewerten gilt, sind eine Zumutung. Ja, die Menschen lieben Messbarkeit und damit Zahlen? Die Berufs- und Studienentscheidung auf Basis einer reinen Mathematik bzw. Statistik mit Durchschnitts- und Abweichungszahlenwerten. Unzureichend und mit geringer Aussage- und Prognosekraft. Höchstens für eine erste Orientierung geeignet, aber sehr interpretationsbedürftig.

Auch die persönlichen Interessen werden per Skalen abgefragt. Diesmal von 1-100 (von „Stimme nicht zu“ bis „Stimme zu“). Nochmal: 100 Skaleneinheiten! Jetzt wird die Spannweite noch breiter. Wieder zeigen Zahlenwerte, ob man ernsthaft geeignet erscheint.



Die individuellen Vorlieben, hier Führungskraft oder nur stiller Mitarbeiter/stille Mitarbeiterin, werden ebenso, in ähnlicher Weise „suggestiv“ angebahnt, abgefragt.

Die zukünftigen beruflichen Anforderungen reduzieren sich auf die Tatsache, ob man bereits ausreichende Kenntnisse hat und nicht auf die Tatsachen, dass man diese nicht haben wird oder noch erwerben kann.

Dazu kann man sogar mit einem Modul „spielen“, das einem anzeigt, ob eine Über- oder Unterforderung bevorsteht. Für alle Schüler mit Mathephobie der Tod.


Man kann dann „filtern“ und solche Berufe wählen, wo die entsprechenden Kenntnisse, (soziale) Kompetenzen, Interessen und beruflichen Vorlieben mit einem Filter[4] wechselseitig verschoben werden können. Abgesehen von der Tatsache, wie man dies aus quantitativer und qualitativer Sicht beurteilen soll, ist dies eine Art „Wunschtabelle“ von unkonkreten Anforderungen. Das können die meisten nicht wirklich beantworten.


Man suggeriert hier, dass man die freie Auswahl hat, welche Fähigkeiten und Interessen man am „Berufs- und Studienwahl-Buffet“ frei und unabhängig wählen kann. Welche Realität wird hier bedient? Bestimmt nicht die der Arbeits- und Berufswelt 4.0 und mehr.

Auf der Grundlage dieser Tests und Erhebungen der Persönlichkeitsmerkmale, der Interessen und der Vorlieben werden dann – per unsichtbarer Black-Box - Studienangebote oder Ausbildungsberufe passend dazu aus dem Hut gezaubert und vorgestellt sowie welche beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten man anschließend damit hat.


Keinerlei Diskussion zu den realen Arbeitsmarktentwicklungen, den Arbeitsplatzgefährdungen (z.B. durch KI, Automatisierung, Robotics). Passend dazu erhält man gleich noch Informationen über die Ausbildungswege und – als Höhepunkt der Bequemlichkeit – werden umgehend konkrete (in der Nähe liegende) Ausbildungsstellenangebote offeriert. Für das Sahnehäubchen der Convenience sorgt dann die Bekanntgabe des Ansprechpartners der Berufsberatung.

Bequemer geht es wohl nicht, denn das Informationsvideo der Bundesagentur für Arbeit schließt mit dem Hinweis: „So entscheidet man sich nicht für irgendwas, sondern was einen wirklich weiterbringt“

Wer daran glaubt, dem sei es gegönnt.

EMPOWER YOURSELF.

[1] https://www.arbeitsagentur.de/bildung/welche-ausbildung-welches-studium-passt [2] Blauw, Sanne: Der größte Bestseller aller Zeiten; München 2018, S. 54 [3] Blauw, Sanne: Der größte Bestseller aller Zeiten; München 2018, S. 55. [4] https://www.arbeitsagentur.de/bildung/welche-ausbildung-welches-studium-passt


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